Seminar zu „Transformativer Gewaltprävention“

das 3-stündige Seminar richtet sich an Sozialpädagog*innen, Schulsozialarbeiter*innen & alle, die in der Jugendarbeit, außerschulischen Jugendbildung o.ä. tätig sind und wird in Präsenz angeboten:

03.12.2022 13:30 – 16:30 Uhr
in den Räumen von Würzburg KulturS e.V. (Bürgerbräu Gelände Würzburg)
Anmeldung gerne per Mail an femergenz@riseup.net

Klassische Gewaltprävention fokussiert oft individuelles Verhalten, wo soziale Bedingungen in den Hintergrund rücken. Transformativ ist die Gewaltprävention dann, wenn sie die Ursachen für Gewalt mitberücksichtigt und die Bedingungen, unter denen wir Beziehungen führen und die Gewalt hervorbringen, verändert. Ziel der Transformativen Gewaltprävention ist es, dass Umfelder eine betroffenen-solidarische und unterstützende Haltung entwickeln.

In jedem Klassenzimmer sitzen im Schnitt drei Kinder oder Jugendliche, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Wir möchten für die Perspektiven und Bedürfnisse von Betroffenen von sexualisierter Gewalt sensibilisieren. Das Verhalten von Umfeldern spielt eine wichtige Rolle dabei, ob es zu einem Ansprechen und einer Verarbeitung der erlebten Gewalt kommt. Kinder müssen im Schnitt 7 erwachsene Personen ansprechen, bis ihnen geglaubt und gehandelt wird. Umfelder können unterstützend und solidarisch sein, oder aber Gewalt reproduzieren, negieren, verharmlosen und sogar erst ermöglichen. 

Pädagog*innen sind mit ihrer Haltung Teil eines Umfeldes. Wir möchten gemeinsam mit den Teilnehmer*innen Fragen nachgehen wie: Wie sehen die Hierarchien aus in den Gruppen, in denen ich mich bewege? Wo greife ich selbst zu gewaltvollen Strategien wie Strafen und Ausgrenzen? Denken wir in Methoden unterschiedliche Erfahrungen mit, z.B. in Methoden mit Körpernähe? Haben die Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Grenzen einzufordern? Wie gehe ich als Gruppenleiter*in damit um, wenn ich gewaltvolles Verhalten beobachte oder Menschen mir von Gewalterfahrungen erzählen? Als Pädagog*innen sind wir Vorbilder, welchen Umgang wir mit Gewalt finden, ob wir Betroffenen glauben und wie wir Grenzüberschreitungen adressieren.

Dank der Förderung der Lotterie Bildungschancen können wir dieses Seminar kostenfrei anbieten. 

“Ich bin mir sicher”

In unserer Veranstaltungs-Reihe suchen wir danach, wie wir in unseren verschiedenen Lebensbereichen zu der Überzeugung kommen: „Ich bin mir sicher!“ 

In Beziehungen, Freund*innenschaften, im Bett, auf der Arbeit oder im öffentlichen Raum – überall begegnen wir Situationen, die zu Verunsicherungen führen können. Mit den Workshops wollen wir Wissen und Handlungsmöglichkeiten erarbeiten, die uns in unserem Alltag bestärken, gut mit unseren Grenzen, Mitmenschen und natürlich mit uns selbst umzugehen! Euch erwartet eine bunte Mischung aus Übungen, Inputs, Selbstreflexion und viel Austauschraum.

Die Workshops sind kostenlos und open for all gender.
Bei den Themen nehmen wir immer auch eine queere Perspektive ein. Wir beschränken uns nicht auf cis-hetero-Konstellationen, wenn wir von Konsens, Sexualität und Übergriffen sprechen. Wir Referent*innen sind selbst alle queer positioniert und möchten queere Menschen herzlich einladen!
Die Workshops finden im Wuf statt, dem queeren Zentrum im Nigglweg 2 in Würzburg statt. Anmeldungen bitte per Mail an femergenz@riseup.net.

Sexuelle Selbstbestimmung
Freitag, 22.07.2022 – 16:00 – 19:00 Uhr
Welche Mythen und gesellschaftlichen Narrative behindern unsere eigene sexuelle Selbstbestimmung? Wir wollen gemeinsam forschen, wie sie sich auf uns, unsere Gefühle und Handlungen auswirken – und sie dekonstruieren. Dabei sind weniger theoretische Konzepte als unsere Erfahrungen Mittelpunkt dieses Workshops – unabhängig davon, wie, mit wem und ob wir Sexualität ausleben. Ein Werkzeug, um sich der eigenen Grenzen und der Grenzen des Gegenübers aber auch der jeweiligen Wünsche bewusst zu werden ist Konsens. Jenseits des toxischen Bildes von “Wünsche von den Lippen ablesen” können wir mit Hilfe von Konsens eine selbst-bestimmtere Sexualität realisieren. Der Workshop wird viel Raum für Austausch bieten.

Selbstbehauptung & Selbstschutz
Freitag, 26.08.2022 – 16:00 – 19:00 Uhr
Wie können wir Alltagssexismus und sexualisierten Übergriffen begegnen? In dem Workshop widmen wir uns der Frage nach Selbstbehauptung, Selbstschutz, Selbstbestärkung und gegenseitiger Unterstützung. Wir wollen uns zuerst mit „Täter*innenstrategien” beschäftigen. Ausgestattet mit diesem Wissen suchen wir nach unseren ganz eigenen, persönlichen „Red Flags“ – Anzeichen, die uns davor warnen, wenn wir uns in einer brenzligen Situation befinden. Und natürlich: Möglichkeiten, wie wir da raus kommen! Wir wollen nicht mehr die Ohnmacht aushalten, die uns bei Alltagssexismus und sexualisierten Übergriffen überkommt. Wir wollen uns Strategien der Selbstbestärkung und gegenseitigen solidarischen Unterstützung aneignen.

Konsens in Freund*innenschaften
Freitag, 30.09.2022 – 16:00 – 19:00 Uhr
„Willst du eine Umarmung?“ „Ist es ok für dich, wenn ich ein Bier trinke?“ Konsens kann überall gelebt und gelernt werden. Wir wollen in dem Workshop unsere eigenen Grenzen und Bedürfnisse untersuchen. Uns darüber austauschen, wie wir sie kommunizieren können – und auch, wie wir anderen gut zuhören können. Konsens fängt eben nicht bei Sexualität an, sondern ist eine Haltung, wie wir zwischenmenschliche Beziehungen gestalten. Deshalb wollen wir nach den kleinen aber wichtigen Momenten im Alltag, in Freund*innenschaften suchen, in denen wir besser aufeinander achten können – denn letztlich sind Freundinnenschaften der Ort an dem wir aufgehoben sein sollten.

Die Veranstaltung ist in Kooperation mit dem LSBTIQ Regenbogenbüro Unterfranken und wird gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales und der Stadt Würzburg.

Transformative Gewaltprävention

Gelingende Prävention zielt nicht nur auf Verhaltensänderung, sondern eben auch auf Verhältnisänderung ab“ (Brigitte Braun)

Das Fundament unserer Präventionsarbeit ist Transformative Gerechtigkeit. Diese entstand als Konzept und Haltung in den letzten 30 Jahren innerhalb sozialer Bewegungen in Nordamerika. Social Justice-Aktivist*innen, allen voran feministischen FLINTA* of Colour, entwickelten Visonen und Strategien zum Umgang mit Gewalt innerhalb ihrer Communities.

Ausgangspunkt war auf der einen Seite der massive Ausbau eines strafenden Staates, der strukturelle Gewaltverhältnisse unsichtbar machte und die bestehende Ordnung stützte. Auf der anderen Seite wurde zwischenmenschliche und vor allem sexualisierte Gewalt innerhalb antirassistischer und staatskritischer Communities ausgeblendet, da sie Staat und Rassismus als einzige Gewaltquelle definierten oder aus Angst vor Spaltung und polizeilichen Übergriffen schwiegen. Die Betroffenen erfuhren in ihrer Mehrfachdiskriminierung – als FLINTA* und BIPoC – keine Unterstützung. Darum suchten betroffene Aktivist*innen nach Konzepten für emanzipatorische Umgänge mit Gewalt im Nahbereich, die sich nicht auf den Staat bezogen und keine weitere Gewalt produzierten.

Das Herzstück Transformativer Gerechtigkeit ist die Kollektive Verantwortungsübernahme. Sie baut auf dem Verständnis auf, dass Gewalt nicht (nur) die individuelle Handlung einer delinquenten (abweichenden) Person ist, sondern innerhalb gesellschaftlicher Strukturen entsteht und wirkt. Das bedeutet, dass sich zum einen gesellschaftliche diskriminierende Strukturen auch in individuellem Handeln ausdrücken (bspw. sexualisierte Gewalt), und zum anderen Umfelder eine Mitverantwortung für ausgeübte Gewalt und für die Unterstützung der betroffenen Personen tragen. Kollektive Verantwortungsübernahme beginnt im Alltag im ganz Kleinen.

Mit Transformativer Gewaltprävention möchten wir dieses Verständnis in die Bildungsarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen integrieren. Junge Menschen sind eine besonders vulnerable Gruppe. Viele Jugendliche befinden sich in Umbruchphasen großer Unsicherheit und Selbstzweifel, zudem erleben sie oft schon in ersten Beziehungen Gewalt und Grenzverletzungen. Sie können in ihrer Selbstbestimmung gestärkt werden, indem sie über ihre eigenen Grenzen und die Grenzen Anderer reflektieren. Wie kommuniziere ich meine Grenzen? Wie gehe ich mit Grenzsetzungen Anderer um? Mit Zurückweisung? Kann ich mich für Grenzverletzungen entschuldigen, Fehler eingestehen? Wie kann mit Hilfe von Konsens in intimen Beziehungen die eigene und geteilte Sexualität auf Augenhöhe erkundet werden? Die Auseinandersetzung mit diesen Themen hilft den Jugendlichen, widerständiger gegen Gewalterfahrungen und -ausübung zu sein.

Gleichzeitig bewegen sie sich ständig in Gruppen – in Klassenzusammenhängen, Freund*innenkreisen, Sportvereinen. In diesen Gruppen kann Gewalt reproduziert und verstärkt, oder aber verhindert werden. Wann tun uns Grupppen gut, stärken und unterstützen uns, und wann nicht? Welche Praktiken können wir in unseren Freund*innenkreisen einüben, um Verantwortung füreinander zu übernehmen, Gewalt zu verhindern, oder bei erlebter Gewalt betroffene Personen wirklich solidarisch-parteilich zu unterstützen?

Mit unserer Bildungsarbeit möchten wir zu unterstützenden, (strukturell) gewaltfreien Beziehungen beitragen – auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Dafür arbeiten wir mit Jugendgruppen, Multiplikator*innen der Jugendarbeit und mit Betroffenen von (sexualisierter) Gewalt.

Komplexität beschreiben: Unser Name

fem*ergenz ist eine Symbiose aus feministisch und Emergenz. Emergenz bezeichnet die Möglichkeit zur Herausbildung von neuen Eigenschaften und Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente. Ein emergentes System kann also mehr als seine isolierten Einzelteile. Gesellschaftliche Veränderungsprozesse und die damit verbundenen Lernprozesse vor dem Hintergrund sozialer Dynamiken und Selbstorganisation zu verstehen, statt von unabhängigen Individuen in gegenseitiger Konkurrenz auszugehen, ist Grundlage unseres Bildungsverständnisses. Wir öffnen Bildungsräume, in denen Individuen sich begegnen und dadurch Neues entstehen kann. Als feministisches Kollektiv ist es uns wichtig, Analysen der gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse immer mit in den Blick zu nehmen.

Inspiriert hat uns bei unserer Namensgebung u.a. adrienne maree brown mit ihrem Buch „emergent strategy – shaping change, changing worlds“ (2017)