Transformative Gewaltprävention

Gelingende Prävention zielt nicht nur auf Verhaltensänderung, sondern eben auch auf Verhältnisänderung ab“ (Brigitte Braun)

Das Fundament unserer Präventionsarbeit ist Transformative Gerechtigkeit. Diese entstand als Konzept und Haltung in den letzten 30 Jahren innerhalb sozialer Bewegungen in USA. Social Justice-Aktivist*innen, allen voran feministischen FLINTA* of Colour, entwickelten Visonen und Strategien zum Umgang mit Gewalt innerhalb ihrer Communities.

Ausgangspunkt war auf der einen Seite der massive Ausbau eines strafenden Staates, der strukturelle Gewaltverhältnisse unsichtbar machte und die bestehende Ordnung stützte. Auf der anderen Seite wurde zwischenmenschliche und vor allem sexualisierte Gewalt innerhalb antirassistischer und staatskritischer Communities ausgeblendet, da sie Staat und Rassismus als einzige Gewaltquelle definierten oder aus Angst vor Spaltung und polizeilichen Übergriffen schwiegen. Die Betroffenen erfuhren in ihrer Mehrfachdiskriminierung – als FLINTA* und BIPoC – keine Unterstützung. Darum suchten betroffene Aktivist*innen nach Konzepten für emanzipatorische Umgänge mit Gewalt im Nahbereich, die sich nicht auf den Staat bezogen und keine weitere Gewalt produzierten.

Das Herzstück Transformativer Gerechtigkeit ist die Kollektive Verantwortungsübernahme. Sie baut auf dem Verständnis auf, dass Gewalt nicht (nur) die individuelle Handlung einer delinquenten (abweichenden) Person ist, sondern innerhalb gesellschaftlicher Strukturen entsteht und wirkt. Das bedeutet, dass sich zum einen gesellschaftliche diskriminierende Strukturen auch in individuellem Handeln ausdrücken (bspw. sexualisierte Gewalt), und zum anderen Umfelder eine Mitverantwortung für ausgeübte Gewalt und für die Unterstützung der betroffenen Personen tragen. Kollektive Verantwortungsübernahme beginnt im Alltag im ganz Kleinen.

Mit Transformativer Gewaltprävention möchten wir dieses Verständnis in die Bildungsarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen integrieren. Junge Menschen sind eine besonders vulnerable Gruppe. Viele Jugendliche befinden sich in Umbruchphasen großer Unsicherheit und Selbstzweifel, zudem erleben sie oft schon in ersten Beziehungen Gewalt und Grenzverletzungen. Sie können in ihrer Selbstbestimmung gestärkt werden, indem sie über ihre eigenen Grenzen und die Grenzen Anderer reflektieren. Wie kommuniziere ich meine Grenzen? Wie gehe ich mit Grenzsetzungen Anderer um? Mit Zurückweisung? Kann ich mich für Grenzverletzungen entschuldigen, Fehler eingestehen? Wie kann mit Hilfe von Konsens in intimen Beziehungen die eigene und geteilte Sexualität auf Augenhöhe erkundet werden? Die Auseinandersetzung mit diesen Themen hilft den Jugendlichen, widerständiger gegen Gewalterfahrungen und -ausübung zu sein.

Gleichzeitig bewegen sie sich ständig in Gruppen – in Klassenzusammenhängen, Freund*innenkreisen, Sportvereinen. In diesen Gruppen kann Gewalt reproduziert und verstärkt, oder aber verhindert werden. Wann tun uns Grupppen gut, stärken und unterstützen uns, und wann nicht? Welche Praktiken können wir in unseren Freund*innenkreisen einüben, um Verantwortung füreinander zu übernehmen, Gewalt zu verhindern, oder bei erlebter Gewalt betroffene Personen wirklich solidarisch-parteilich zu unterstützen?

Mit unserer Bildungsarbeit möchten wir zu unterstützenden, (strukturell) gewaltfreien Beziehungen beitragen – auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Dafür arbeiten wir mit Jugendgruppen, Multiplikator*innen der Jugendarbeit und mit Betroffenen von (sexualisierter) Gewalt.

Umgang mit Kritik – Workshop

31.08.21, 16:00 – 19:00 Uhr, online

Wenn wir kritisiert werden, reagieren wir meist mit negativen Emotionen, obwohl Kritik persönliche Lernprozesse in Gang setzen kann.

Kritik geben und annehmen passiert nicht in einem neutralen Raum – gesellschaftliche und interpersonelle Machtstrukturen wirken auch hier. Es ist relevant, wer kritisiert und aus welcher Perspektive. Wir wollen in dem Workshop dem Verständnis von Kritik auf den Grund gehen, unsere Positionen und Emotionen beim Kritisieren und Kritik empfangen besser einordnen lernen, um am Ende mit ein bisschen Überwindung und Übung, kritik- und damit lernfähiger zu werden [Mehr.]

Online Workshop – BigBlueButton – Anmeldung und Zugangsdaten unter mail@femergenz.org

Über die Unmöglichkeit, emanzipatorische Ziele für Andere zu setzen.

Die Überschrift ist ein Zitat von C. Kaindl „Über die Unmöglichkeit, emanzipatorische Ziele für Andere zu setzen“ in Mende/Müller (Hrsg.) „Emanzipation in der politischen Bildung – Theorien, Konzepte, Möglichkeiten”, 2009, Wochenschau Verlag. Folgender Text knüpft an Gedanken aus Kaindls Aufsatz an, aber geht auch darüber hinaus.

Was ist emanzipatorische (politische) Bildung eigentlich?

Emanzipation, also die äußere und innere Selbst-Befreiung aus gesellschaftlichen Zwängen, die sich aus bestimmten Normen ergeben und Diskriminierung hervorbringt, ist eines der Hauptanliegen emanzipatorischer (politischer) Bildungsarbeit. Politisch ist sie in dem Fall, weil wir gesellschaftliche Zwänge und Normen als mensch-gemacht und damit als veränderbar begreifen – und weil sie ein Abbild und Ergebnis von Macht- und Herrschaftsstrukturen sind.

Bildung ist dabei nicht nur Wissens-Vermittlung. Vielmehr geht es darum, Menschen anzuregen und zu befähigen, über ihre eigene Positionierung innerhalb bestehender politischer Strukturen nachzudenken. Oder über ihre Glaubenssätze, Vorurteile und Verhaltensweisen, die ihnen im Laufe ihres Lebens an-gelernt oder an-erzogen wurden, zu reflektieren. Und eigenständig den Wunsch zu entwickeln, diese um-zu-lernen und Verhaltensweisen zu verändern, um nicht (weiter) unterdrückerisch zu handeln.

Was sind Ziele emanzipatorischer (politischer) Bildung?

Wir identifizieren vier Felder, in denen sich emanzipatorische (politische) Bildung bewegt; manchmal unterschiedlich gewichtet.

  1. Das Erkennen und die Kritik an gesellschaftlichen (Ungleich-)Verhältnissen
  2. Die Erweiterung der eigenen Handlungsfähigkeit innerhalb dieser Verhältnisse
  3. Kenntnisse von Emanzipations-Geschichte und kritischen Theorien zur Überwindung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit
  4. Die Entwicklung von Solidarität und Fähigkeiten zur Kooperation und wertschätzenden Kommunikation

Wozu brauchen wir heute emanzipatorische Bildung?

Ein Blick in die Geschichte zeigt Unfreiheiten und Formen der Unterdrückung, die für uns heute allgemein „unvorstellbar“ sind. Klassische historische Beispiele sind Versklavung, Segregation und kein Wahlrecht oder Recht auf weiterführende Bildung für Frauen¹ und BIPoC². Eine gesellschaftliche Ordnung zeigt ihr herrschaftliches Gewand, wenn sie angegriffen wird; und soziale Rechte wurden historisch immer „von unten“ erkämpft.

Unvorstellbar für uns heute – aber sind wir heute „frei“? Das gesellschaftliche Narrativ bezieht sich auf „Freiheit“ und „Gleichheit“. Dieses Versprechen soll von einem ökonomischen (kapitalistischen) und politischen (wettkampf-demokratischen) System eingelöst werden. Und wir sehen, dass genau dieses System Unfreiheiten und Ungleichheiten herstellt, aufrecht erhält und verstärkt.

Wer entwickelt den Wunsch nach Emanzipation?

Der Wunsch nach Emanzipation setzt voraus, dass sich eine Person in ihrer Lebensrealität unfrei fühlt bzw. Zwänge an-erkennt. Diese Erkenntnis ist zugänglicher für Personen, die in von der jetzigen Ordnung nicht profitieren, sondern von ihr benachteiligt, also diskriminiert werden. Diskriminierung erfahren heißt, konkrete Einschränkungen und Nachteile in der Gesellschaft zu erleben oder struktureller Gewalt oder der Angst vor psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt zu sein.

Es sind historisch betrachtet oft diejenigen, die von Strukturen benachteiligt sind und deren Ungerechtigkeit erkennen, die sich für deren Veränderung in eine gerechtere und freiere Welt einsetzen. Gleichzeitig sind es diejenigen, die wenige Ressourcen zur Verfügung haben, konkrete Veränderungen herbeizuführen.

Privilegien als Verlust und Lern-Behinderung betrachten

Werde ich als Person von dem System, was Ungleichheit und Unfreiheit produziert, bevorteilt – also genieße Privilegien – ist es wahrscheinlich, dass ich diese Ungleichheit und Unfreiheit nicht gleichermaßen wahrnehme.

Diese Bevorteilung findet auf verschiedenen Ebenen statt – und ist unbegründet. [Beziehungsweise ist die rassistische, patriarchale und abelistische Begründung eine, die von den Herrschenden und Privilegiertesten verfasst wurde und weiterhin fort-geschrieben wird.] Privilegien sind konkrete Vorteile innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung und Schutz vor Gewalt.

Oftmals wird privilegierten Positionen die Verantwortung übergeben, ihre Privilegien zur Herstellug von mehr Freiheit und Gleichheit zu „nutzen“, Privilegien „abzugeben“ oder zu „teilen“.

Die postkoloniale Theoretikerin, Aktivistin, Sprachwissenschaftlerin und Intellektuelle Größe Gayatri Chakravorty Spivak vollzieht einen Perspektivwechsel, dass es darum gehen müsse, „Privilegien als einen Verlust zu betrachten“.

„Die Idee, Privilegien als Verlust zu betrachten, erkennt, dass diese, bleiben sie unreflektiert, das kritische Denken vernebeln und die Imaginationshorizonte einschränken. Wer etwa von der heteronormativen sozialen Ordnung profitiert und dabei nie ein Gefühl des Verlustes verspürt hat, verpasst die Mannigfaltigkeit sexuellen Begehrens. Privilegien versperren die Möglichkeit, andere Horizonte zu erspüren. […] Wer Privilegien als Verlust reflektiert, wird marginalisierte Gruppen weder viktimisieren noch romantisieren – und gleichzeitig dazu in der Lage sein, die eigenen sozialen Vorteile geschichtlich einzuordnen.“

María do Mar Castro Varela über Spivak in: Strategisches Lernen, 2015 | Zeitschrift LuXemburg – Gesellschaftsanalyse und linke Praxis

Warum wir lernen – und warum wir bilden.

Als politische Bildner*innen haben wir selbst zahlreiche Lernerfahrungen gemacht, auf die wir reflektieren. Uns verbindet die Erfahrung, dass wir innerhalb von klassischen Bildungsinstitutionen (Schule, Uni, …) an Grenzen gestoßen sind: Entweder mussten wir Lernen, was wir nicht wollten oder was wir als falsch erachteten, oder wir konnten durch das Lernen keinerlei Handlungsfähigkeit entwickeln.

Das Lernen, was uns zu kritischem Denken, Selbst-Reflexion und Handlungsfähigkeit anregte, haben wir außerhalb von klassischen Bildungsinstitutionen gefunden. In sozialen Bewegungen, in politischer Arbeit, in Freund*innenschaften, in alltäglichen Herausforderungen.

Emanzipatorisch wird es für uns, wenn wir einerseits die Diskriminierungen, derer wir ausgesetzt sind, verstehen und einordnen können – anstatt sie auszuhalten – und einen für uns besseren Umgang finden. Andererseits ist es im Verständnis von Spivak unsere Aufgabe, unsere Privilegien als Verlust und Einschränkung insofern zu verstehen, dass wir Dominanzpositionen verkörpern und reproduzieren. Es ist unsere Verantwortung, unsere Privilegien zu reflektieren, um für Emanzipation für möglichst alle Menschen zu kämpfen.

Unser Verständnis von Bildung geht über Wissensaneignung hinaus. Es geht darum, die individuellen Denk- und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, neue Perspektiven zu integrieren und alltags-praktisches Wissen zu nutzen.

Wir verstehen Lernen als eine selbstbestimmte, freiwillige Aneignung von einem bestimmten Lern-Gegenstand mit all seinen gesellschaftlichen Verweisen und Verflechtungen. Lernen findet auf auf kognitiven, körperlichen und emotionalen Dimensionen statt: Gesellschaftliche Verhältnisse und meine darin verortete Subjektivität stehen immer in Wechselwirkung. Oder einfacher gesagt: Die Welt, wie ich sie wahrnehme und erkenne, „macht was mit mir“ und daraus mache ich was mit und in der Welt.

Über die Unmöglichkeit, emanzipatorische Ziele für andere zu setzen

Es gibt „gute Gründe“ sich nicht mit bestimmten sozialen Ungerechtigkeiten zu beschäftigen und sich nicht für die Befreiung marginalisierter Personengruppen einzusetzen; und mit „guten Gründen“ meinen wir nicht normativ gut, also irgendwie moralisch, sondern schlicht nachvollziehbar oder pragmatisch. Wenn wir in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen privilegiert sind, profitieren wir von einem System, das Diskriminierung hervorbringt. Oftmals, ohne es zu merken.

In unserer Bildungsarbeit sehen wir, dass es unmöglich ist, Ziele für andere zu setzen. Wir können uns vornehmen, Reflexionsprozesse anzustoßen – aber ob sie vollzogen werden, hängt von den Lernenden ab. Ein Verständnis von den „guten Gründen“ ist dabei wichtig, um Personen nicht zu verurteilen oder in (völlig unemanzipatorische) Zwang- oder Straflogiken zu verfallen. Jede Person muss sich selbst zum Ziel setzen, eine emanzipatorische Haltung zu entwickeln und emanzipatorische politische Bildung kann lediglich bei der Zielsetzung unterstützen.

¹ wir verwenden den Begriff Frauen aus einer historischen Selbstbezeichnung um Wahlrecht und Recht auf Bildung.
² BIPoC Abkürzung für Black Indigenous People of Color ist eine Selbstbezeichnung für negativ von Rassismus betroffenen Personen.

Unsere erste Workshopreihe!

Mit unserer ersten Workshopreihe möchten wir eine Auswahl unserer Themen in Form von einer Reihe Online-Workshops vorstellen. Um in gemeinsame Prozesse einzusteigen, ist die Teilnehmer*innenzahl begrenzt. Meldet euch gerne per Mail an mail@femergenz.org für die Zugangsdaten. Wir arbeiten mit BigBlueButton. (Detailliertere Beschreibungen der Workshops findet ihr in unserer Kollektion!)

23. März 17:30 – 20:30 Uhr
Konsens als kollektive Praxis

Der Workshop richtet sich in erster Linie an Menschen und Gruppen, die selbstorganisiert zusammen arbeiten. Vielleicht praktiziert ihr schon Konsens und wollt euer Konzept auf den Prüfstand stellen, oder habt den Wunsch eure Entscheidungen in Zukunft mit Hilfe von Konsens zu treffen. [Mehr.]

30. März 17:30 – 20:30 Uhr
Umgang mit Kritik – Diskriminierungssensibilität als Lernprozess verstehen

Fehlerfreundlichkeit und Kritikfähigkeit ist ein wichtiger Bestandteil von Beziehungen und Selbstorganisation. Aber Kritik zu geben oder zu empfangen ist für uns oft schwierig und führt schnell zu Konflikten. Im Workshop möchten wir uns zunächst unsere Sichtweise als eine von mehreren Perspektiven einordnen um dann anhand von alltäglichen Situationen gemeinsam zu erarbeiten, wie wir konstruktiv mit Kritik umgehen können. [Mehr.]

6. April 17:30 – 20:30 Uhr
LGBTQIA..was?! Einsteiger*innen-Workshop


„Queer“ ist überall. Was hat es damit auf sich? In dem Workshop beschäftigen wir uns mit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, queerer Bewegung, Grundlagen von queerer Theorie, Spektren von Gender/Geschlecht und Sexualitäten und was sich hinter LGBTQIA+ alles verbirgt.

13.April 17:30 – 20:30
Unten rum bunt – oben rum frei! Bildung für sexuelle Selbstbestimmung

Dieser Workshop richtet sich vor allem an Menschen, die sich noch nicht intensiver mit Sexualität und Körperwissen auseinandergesetzt haben. Wir sprechen über Themen, die relevant sind für die eigene Sexualität – unabhängig davon, welche Beziehungsformen du lebst, welches Geschlecht du hast,  in welcher Form du Sexualität lebst oder ob du überhaupt sexuell aktiv bist. [Mehr.]

20. April 17:30 – 20:30
Leichte Sprache


Der Workshop richtet sich an Menschen, die gerne inklusive Veranstaltungen planen und durchführen möchten und sich dafür Skills in Leichter Sprache aneignen wollen. Eine Idee von Leichter Sprache findet ihr hier.

Die Teilnahme an allen Workshops ist kostenlos. Wenn ihr unsere Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr aber gerne finanziell etwas beitragen.

Prekäre Emanzipation?! Gedanken zu Finanzierung und Corona

Politische emanzipatorische Bildungsarbeit im außerschulischen oder außer-institutionellen Kontext ist Arbeit. Arbeit, die schlecht bezahlt ist und deren Bildungsarbeiter*innen eigentlich immer in prekären Verhältnissen lässt. In einer verkürzten (weißen, deutschsprachigen) Alltags-Vorstellung ist Bildung etwas, das „kostenlos“ ist. Darunter liegt die Idee, das Bildung frei zugänglich für alle Menschen sein sollte. Und das ist etwas Gutes.

Außerhalb von staatlichen und damit schulischen oder universitären Kontexten werden die Kosten für Bildungsarbeit aber nicht staatlich ausgeglichen, sondern entweder auf die Teilnehmer*innen umgelegt und/oder mit Stiftungs- und Fördermitteln unterstützt. Neben der Bildungsarbeit leisten politische Bildner*innen also zusätzlich viel Arbeit, um ihre eigenen (Lebensunterhalt- und Betriebs-)Kosten einzuwerben. Denn gleichzeitig wollen wir ja weiterhin dafür sorgen, dass Bildung für alle zugänglich ist – unabhängig von ihren finanziellen Mitteln.

Wir befinden uns damit in einem politisch-gesellschaftlichen Trend, der inzwischen auch stark auf staatliche Institutionen übergreift: Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse – oder auch Prekarisierung -, Drittmittelwerbung, unternehmerische Eigenverantwortung für die eigene Arbeit und Ökonomisierung & Kapitalisierung von Bildung.

Auch außerschulische freiberufliche Bildungsarbeiter*innen sind von der neoliberalen Doktrin (Wettbewerb, Selbst-Ausbeutung etc.) nicht befreit; in einem Tätigkeitsbereich, von dem sowieso ausgegangen wird, dass er „nichts kostet“. Das Bildungs- und Moderationskollektiv stuhl_kreis Revolte hat dazu einen wichtigen Beitrag mit ihrer Argumentationshilfe zu fairen Tagessätzen geleistet, an der wir uns orientieren.

Corona hat natürlich auch uns und unsere Arbeitsweise vor andere Aufgaben gestellt. Wir mussten uns neu einstellen, bezahlte Aufträge wurden abgesagt, unsere Methoden wurden der Situation angepasst. Und wir haben gesehen: Emanzipatorische politische Bildung geht auch online und eröffnet uns neue Möglichkeiten.

Menschen können auch unabhängig von ihrem Wohnort, sozialen Ängsten oder Betreuungsauftrag an Bildungsangeboten einfacher teilhaben. Infrastrukturelle Barrieren können flacher sein. (Uns ist bewusst, dass online-Bildung auch für Teilnehmer*innen neue Barrieren schaffen können) – Die Kehrseite ist: „kostenlose Online-Angebote“ sind in unserer Vorstellung noch viel stärker verankert, als die Vorstellung von kostenloser Bildung. Die Kosten von Bildungsarbeit werden noch weniger sichtbar, obwohl sie ggf. für Bildungsarbeiter*innen steigen.

Prekär für eine bessere Welt?!

Wir machen unsere Arbeit, weil wir sie machen wollen. Und das ist ein großes Privileg und eine Form von Selbstbestimmung, von der wir wissen, dass sie nicht selbstverständlich ist. Wir machen unsere Arbeit auch, weil wir davon überzeugt sind, dass sie sinnstiftend und wertvoll ist.

Wenn Du unsere Arbeit mit einer Spende unterstützen möchtest, freuen wir uns sehr.

Kontodaten:
Kontoinhaber*in: Wechselkurs Bildung e.V. 
IBAN: DE38 4306 0967 1110 5510 00 
BIC: GENODEM1GLS 
Verwendungszweck: Spende femergenz (bitte unbedingt mit angeben!)

Der Wechselkurs Bildung e.V. ist ein eingetragener, gemeinnütziger Verein und kann Spendenbescheinigungen ausstellen. Wenn Du eine Spendenquittung möchtest, schreib uns doch kurz eine Mail an wechselkurs@riseup.net

Selbstorganisiert auf dem Weg in ein Gutes Leben für Alle.

Es ist zwar nicht möglich, unsere Analyse von Welt vollständig wieder zu geben, aber wir wollen mit diesem Beitrag eine kleine Einordnung geben, wo wir uns verorten und warum wir glauben, dass gesellschaftliche Veränderung nur gemeinsam und „von unten“ bewirkt werden kann.

Unsere Analyse fußt auf einer Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen des individualistischen neoliberal-kapitalistischen Systems, das durch gesellschaftliche Diskriminierungs-, Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen stabilisiert wird.

Dies Kritik am Individualismus greifen wir auch in unserer politischen Bildungsarbeit auf. Zum Beispiel werden typischerweise in Bildungskontexten für sogenannte „nachhaltige Entwicklung”, „globales Lernen“ oder „Antidiskriminierungs-Bildung“ Bildungsziele oftmals nur auf das Individuum formuliert: Wir sollen nachhaltig(er) oder „fair“ konsumieren, unser individuelles Verhalten ändern, unsere „individuellen“ Vorurteile gegenüber marginalisierten Personengruppen abbauen usw.

Individuelle Verhaltens- und Einstellungsänderung ist wichtig. Aber nur der erste Schritt.

Wenn wir anfangen, die Strukturen (Institutionen, politischen und wirtschaftlichen Systeme,…) zu hinterfragen, die soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit hervorbringen, können wir sie nicht dadurch verändern, dass wir innerhalb dieser ungerechten Systeme bessere Menschen werden. Deswegen sind wir der Meinung, dass wir auch die strukturellen Ebenen von sozialer Ungleichheit mit-adressieren müssen und uns gemeinsam fragen, wie auf der Struktur-Ebene Veränderung gelingen kann.

In einem kollektiven Lern- und Arbeitsprozess ergeben sich immer auch Strukturen. Dort können wir ansetzen: Wie können wir unsere eigenen Strukturen nachhaltiger, gerechter, solidarisch gestalten? Wie wollen wir miteinander umgehen und kommunizieren, damit sich alle wohl fühlen? Individuelle & kollektive Verhaltens-/ Einstellungsveränderung und Strukturveränderung sollte dabei Hand in Hand gehen.

Wir haben vielleicht keine einheitliche Transformationstheorie (Theory of change), sind aber gemeinsam davon überzeugt, dass es eine Vielzahl von Ansätzen zur Transformation braucht. Gleichzeitig funktioniert eine Idee von Transformation auch nicht ohne eine Utopie, auf die sie abzielt, auf die sie sich ausrichtet.

Uns verbindet der Wunsch, dazu beizutragen, ein Gutes Leben für Alle mit zu ermöglichen. Aber: Wer sind alle? Wen haben wir (nicht) mit im Blick? Um die Kategorie „alle“ immer wieder erweitern zu können, ist es für uns wesentlich, unsere Perspektive auf gesellschaftliche Marginalisierung und Diskriminierung zu lenken.

Wir glauben, dass der Weg zu einem Guten Leben für Alle über eine basisdemokratische Selbstorganisierung führt. Ganz im Sinne der Emergenz spielt sie sich auf allen Ebenen ab und findet sich in der nächst kleineren oder größeren Ebene wieder: Egal ob Basis-Polit-Gruppe, Bündnis oder gar im basisdemokratischen Konföderalismus.¹ Basisdemokratie bedeutet dabei für uns, dass alle mitentscheiden können sollten. Bei politischen Fragen, z.B. um die Verteilung materieller Ressourcen aber auch Arbeitsteilung usw. Basisdemokratie bedeutet für uns auch, dass es immer eine gewisse Ergebnisoffenheit geben muss; also dass eine Frage nicht schon die Antwort voraussetzt. Diese Ergebnisoffenheit versuchen wir auch in unserer Bildungsarbeit zu integrieren: Wir haben keine „richtigen Antworten“, es geht darum, gemeinsam Antworten auf Fragen zu finden, die uns bewegen. Weil wir glauben, dass es keine vorgefertigte unumstößliche Lösung gibt, die von einigen Menschen entworfen werden kann. Die besten Lösungen für alle finden sich, umso mehr Perpektiven mit einfließen.

Unsere Utopie, unsere konkrete Vorstellung vom Guten Leben für alle, wird dadurch ein Kompass, eine Orientierungshilfe, die sich auf dem Weg immer wieder aktualisiert.

Abschließend finden wir auch, dass der Weg bereits das Ziel beinhalten sollte. Wir wollen schon jetzt eine utopische Praxis üben; mit unseren Handlungen, Bildungen, Aktionen einen utopischen Überschuss produzieren. Dafür braucht es solidarische Beziehungsweisen und Lebensformen im Hier und Jetzt.

¹ Zum demokratischer Konföderalismus als gelebte Utopie wollen wir an dieser Stelle auf das autonome Gebiet Rojava in Kurdistan/Nord-Ost-Syrien verweisen.

Komplexität beschreiben: Unser Name

fem*ergenz ist eine Symbiose aus feministisch und Emergenz. Emergenz bezeichnet die Möglichkeit zur Herausbildung von neuen Eigenschaften und Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente. Ein emergentes System kann also mehr als seine isolierten Einzelteile. Gesellschaftliche Veränderungsprozesse und die damit verbundenen Lernprozesse vor dem Hintergrund sozialer Dynamiken und Selbstorganisation zu verstehen, statt von unabhängigen Individuen in gegenseitiger Konkurrenz auszugehen, ist Grundlage unseres Bildungsverständnisses. Wir öffnen Bildungsräume, in denen Individuen sich begegnen und dadurch Neues entstehen kann. Als feministisches Kollektiv ist es uns wichtig, Analysen der gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse immer mit in den Blick zu nehmen.

Inspiriert hat uns bei unserer Namensgebung u.a. adrienne maree brown mit ihrem Buch „emergent strategy – shaping change, changing worlds“ (2017)