Warum Awareness keine Dienstleistung, sondern ein gemeinsamer Prozess ist
Awareness als Begriff und Konzept erlebt gerade einen regelrechten Aufschwung – heraus aus selbstorganisierten Strukturen in kommerziellere Räume und Organisationen. Auf der einen Seite könnte das ein Grund zur Freude sein – viele Clubs möchten ein sicherer Raum für feiernde Menschen sein und sind „gegen Sexismus, Rassismus, und jede Form der Diskriminierung”. Was wir in diesem Kontext aber leider oft erleben, ist ein äußerst verkürztes Verständnis von diesen Formen von Diskriminierung. Es wird angenommen, dass es die „bösen“ gewaltausübenden/diskriminierenden Menschen gibt, vor denen geschützt werden muss, und die „Guten”, zu denen wir selbst dazugehören. Dabei wird Übergriffigkeit als etwas „von Außen kommendes“ begriffen.
Dieses (falsche) Selbstverständnis verhindert, über Gewalt und Diskriminierung in ihrer tatsächlichen Komplexität nachzudenken.
Dabei kann unserer Meinung nach eine nachhaltige Awareness-Struktur nur dort gedeihen, wo intern ein Wille für gemeinsame Lernprozesse besteht. Awareness ist der Versuch, innerhalb eines Systems, das beständig Gewalt und Diskriminierung produziert und reproduziert, diese anzuerkennen und Räume sicherer und inklusiver zu machen für die Menschen, die von Gewalt und Diskriminierung betroffen sind – durch die Veränderung und den Aufbau von Strukturen.
Der erste Schritt ist aus unserer Perspektive die Anerkennung, dass wir alle in dieses System eingebettet sind und dementsprechend auch alle selbst Gewalt ausüben und diskriminieren (können) – innerhalb und außerhalb unserer Teams.
Das bedeutet für Clubs/Institutionen, dass diese die Bereitschaft mitbringen, die eigenen internen Strukturen machtkritisch anzuschauen und zu erkennen, wo sie selbst Gewalt und Diskriminierung reproduzieren oder zumindest begünstigen. Wer trifft Entscheidungen, wie transparent sind die Strukturen? Gibt es eine lebendige Kritik-und Fehlerkultur? Wie werden Gewinne verteilt? Wie barrierefrei ist die Umgebung? Wer ist nicht da? Wie wird innerhalb des Teams damit umgegangen, wenn es zu Übergriffen kommt?
Awareness ist für uns nicht in erster Linie ein Handlungsbegriff, sondern beschreibt eine sensibilisierte Wahrnehmung für die strukturellen Bedingungen von Gewalt und Diskriminierung.
Welche Praxis folgt aber daraus?
Wenn ein Bewusstsein dafür entstanden ist, wo und wie Gewalt passiert, dann können wir Strukturen aktiv abbauen, die Gewalt begünstigen, und Strukturen aufbauen, die präventiv sind. Prävention funktioniert unserer Ansicht nach nicht durch Abschreckung (mehr dazu in unserer Handreichung Transformative Gewaltprävention), sondern im Gegenteil durch solidarische Beziehungen, kritischer (Selbst-)Reflexion, und Aufbau von unterstützenden Umgangsweisen. Dazu gehört auch der Umgang mit entstandener Gewalt und alle Formen von Diskriminierung.
Dieses Awareness-Verständnis steht einer in unseren Augen immer stärker werdenden Dienstleistungs-Mentalität gegenüber, in denen Clubs/Institutionen externe Awareness-Teams engagieren und daneben nichts an ihrer Struktur verändern wollen. Egal, wie unterstützend die Arbeit der Awareness-Teams dann ist – solange sich nichts an den Machtverhältnissen verändert, wird Diskriminierung und Gewalt nicht nachhaltig abgebaut. Damit schließen wir uns auch den Analysen des Awareness-Instituts an.
Ähnlich verhält es sich damit, dass man einen Workshop zu Awareness organisiert und das Thema dann als abgeschlossen ansieht. „Awareness” sollte also aus unserer Perspektive ein eigener, ernstgemeinter Lern- und Veränderungsprozess sein. Dieser Prozess ist nie abgeschlossen, schließlich haben wir alle nie ausgelernt.
