Über die Unmöglichkeit, emanzipatorische Ziele für Andere zu setzen.

Die Überschrift ist ein Zitat von C. Kaindl „Über die Unmöglichkeit, emanzipatorische Ziele für Andere zu setzen“ in Mende/Müller (Hrsg.) „Emanzipation in der politischen Bildung – Theorien, Konzepte, Möglichkeiten”, 2009, Wochenschau Verlag. Folgender Text knüpft an Gedanken aus Kaindls Aufsatz an, aber geht auch darüber hinaus.

Was ist emanzipatorische (politische) Bildung eigentlich?

Emanzipation, also die äußere und innere Selbst-Befreiung aus gesellschaftlichen Zwängen, die sich aus bestimmten Normen ergeben und Diskriminierung hervorbringt, ist eines der Hauptanliegen emanzipatorischer (politischer) Bildungsarbeit. Politisch ist sie in dem Fall, weil wir gesellschaftliche Zwänge und Normen als mensch-gemacht und damit als veränderbar begreifen – und weil sie ein Abbild und Ergebnis von Macht- und Herrschaftsstrukturen sind.

Bildung ist dabei nicht nur Wissens-Vermittlung. Vielmehr geht es darum, Menschen anzuregen und zu befähigen, über ihre eigene Positionierung innerhalb bestehender politischer Strukturen nachzudenken. Oder über ihre Glaubenssätze, Vorurteile und Verhaltensweisen, die ihnen im Laufe ihres Lebens an-gelernt oder an-erzogen wurden, zu reflektieren. Und eigenständig den Wunsch zu entwickeln, diese um-zu-lernen und Verhaltensweisen zu verändern, um nicht (weiter) unterdrückerisch zu handeln.

Was sind Ziele emanzipatorischer (politischer) Bildung?

Wir identifizieren vier Felder, in denen sich emanzipatorische (politische) Bildung bewegt; manchmal unterschiedlich gewichtet.

  1. Das Erkennen und die Kritik an gesellschaftlichen (Ungleich-)Verhältnissen
  2. Die Erweiterung der eigenen Handlungsfähigkeit innerhalb dieser Verhältnisse
  3. Kenntnisse von Emanzipations-Geschichte und kritischen Theorien zur Überwindung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit
  4. Die Entwicklung von Solidarität und Fähigkeiten zur Kooperation und wertschätzenden Kommunikation

Wozu brauchen wir heute emanzipatorische Bildung?

Ein Blick in die Geschichte zeigt Unfreiheiten und Formen der Unterdrückung, die für uns heute allgemein „unvorstellbar“ sind. Klassische historische Beispiele sind Versklavung, Segregation und kein Wahlrecht oder Recht auf weiterführende Bildung für Frauen¹ und BIPoC². Eine gesellschaftliche Ordnung zeigt ihr herrschaftliches Gewand, wenn sie angegriffen wird; und soziale Rechte wurden historisch immer „von unten“ erkämpft.

Unvorstellbar für uns heute – aber sind wir heute „frei“? Das gesellschaftliche Narrativ bezieht sich auf „Freiheit“ und „Gleichheit“. Dieses Versprechen soll von einem ökonomischen (kapitalistischen) und politischen (wettkampf-demokratischen) System eingelöst werden. Und wir sehen, dass genau dieses System Unfreiheiten und Ungleichheiten herstellt, aufrecht erhält und verstärkt.

Wer entwickelt den Wunsch nach Emanzipation?

Der Wunsch nach Emanzipation setzt voraus, dass sich eine Person in ihrer Lebensrealität unfrei fühlt bzw. Zwänge an-erkennt. Diese Erkenntnis ist zugänglicher für Personen, die in von der jetzigen Ordnung nicht profitieren, sondern von ihr benachteiligt, also diskriminiert werden. Diskriminierung erfahren heißt, konkrete Einschränkungen und Nachteile in der Gesellschaft zu erleben oder struktureller Gewalt oder der Angst vor psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt zu sein.

Es sind historisch betrachtet oft diejenigen, die von Strukturen benachteiligt sind und deren Ungerechtigkeit erkennen, die sich für deren Veränderung in eine gerechtere und freiere Welt einsetzen. Gleichzeitig sind es diejenigen, die wenige Ressourcen zur Verfügung haben, konkrete Veränderungen herbeizuführen.

Privilegien als Verlust und Lern-Behinderung betrachten

Werde ich als Person von dem System, was Ungleichheit und Unfreiheit produziert, bevorteilt – also genieße Privilegien – ist es wahrscheinlich, dass ich diese Ungleichheit und Unfreiheit nicht gleichermaßen wahrnehme.

Diese Bevorteilung findet auf verschiedenen Ebenen statt – und ist unbegründet. [Beziehungsweise ist die rassistische, patriarchale und abelistische Begründung eine, die von den Herrschenden und Privilegiertesten verfasst wurde und weiterhin fort-geschrieben wird.] Privilegien sind konkrete Vorteile innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung und Schutz vor Gewalt.

Oftmals wird privilegierten Positionen die Verantwortung übergeben, ihre Privilegien zur Herstellug von mehr Freiheit und Gleichheit zu „nutzen“, Privilegien „abzugeben“ oder zu „teilen“.

Die postkoloniale Theoretikerin, Aktivistin, Sprachwissenschaftlerin und Intellektuelle Größe Gayatri Chakravorty Spivak vollzieht einen Perspektivwechsel, dass es darum gehen müsse, „Privilegien als einen Verlust zu betrachten“.

„Die Idee, Privilegien als Verlust zu betrachten, erkennt, dass diese, bleiben sie unreflektiert, das kritische Denken vernebeln und die Imaginationshorizonte einschränken. Wer etwa von der heteronormativen sozialen Ordnung profitiert und dabei nie ein Gefühl des Verlustes verspürt hat, verpasst die Mannigfaltigkeit sexuellen Begehrens. Privilegien versperren die Möglichkeit, andere Horizonte zu erspüren. […] Wer Privilegien als Verlust reflektiert, wird marginalisierte Gruppen weder viktimisieren noch romantisieren – und gleichzeitig dazu in der Lage sein, die eigenen sozialen Vorteile geschichtlich einzuordnen.“

María do Mar Castro Varela über Spivak in: Strategisches Lernen, 2015 | Zeitschrift LuXemburg – Gesellschaftsanalyse und linke Praxis

Warum wir lernen – und warum wir bilden.

Als politische Bildner*innen haben wir selbst zahlreiche Lernerfahrungen gemacht, auf die wir reflektieren. Uns verbindet die Erfahrung, dass wir innerhalb von klassischen Bildungsinstitutionen (Schule, Uni, …) an Grenzen gestoßen sind: Entweder mussten wir Lernen, was wir nicht wollten oder was wir als falsch erachteten, oder wir konnten durch das Lernen keinerlei Handlungsfähigkeit entwickeln.

Das Lernen, was uns zu kritischem Denken, Selbst-Reflexion und Handlungsfähigkeit anregte, haben wir außerhalb von klassischen Bildungsinstitutionen gefunden. In sozialen Bewegungen, in politischer Arbeit, in Freund*innenschaften, in alltäglichen Herausforderungen.

Emanzipatorisch wird es für uns, wenn wir einerseits die Diskriminierungen, derer wir ausgesetzt sind, verstehen und einordnen können – anstatt sie auszuhalten – und einen für uns besseren Umgang finden. Andererseits ist es im Verständnis von Spivak unsere Aufgabe, unsere Privilegien als Verlust und Einschränkung insofern zu verstehen, dass wir Dominanzpositionen verkörpern und reproduzieren. Es ist unsere Verantwortung, unsere Privilegien zu reflektieren, um für Emanzipation für möglichst alle Menschen zu kämpfen.

Unser Verständnis von Bildung geht über Wissensaneignung hinaus. Es geht darum, die individuellen Denk- und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, neue Perspektiven zu integrieren und alltags-praktisches Wissen zu nutzen.

Wir verstehen Lernen als eine selbstbestimmte, freiwillige Aneignung von einem bestimmten Lern-Gegenstand mit all seinen gesellschaftlichen Verweisen und Verflechtungen. Lernen findet auf auf kognitiven, körperlichen und emotionalen Dimensionen statt: Gesellschaftliche Verhältnisse und meine darin verortete Subjektivität stehen immer in Wechselwirkung. Oder einfacher gesagt: Die Welt, wie ich sie wahrnehme und erkenne, „macht was mit mir“ und daraus mache ich was mit und in der Welt.

Über die Unmöglichkeit, emanzipatorische Ziele für andere zu setzen

Es gibt „gute Gründe“ sich nicht mit bestimmten sozialen Ungerechtigkeiten zu beschäftigen und sich nicht für die Befreiung marginalisierter Personengruppen einzusetzen; und mit „guten Gründen“ meinen wir nicht normativ gut, also irgendwie moralisch, sondern schlicht nachvollziehbar oder pragmatisch. Wenn wir in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen privilegiert sind, profitieren wir von einem System, das Diskriminierung hervorbringt. Oftmals, ohne es zu merken.

In unserer Bildungsarbeit sehen wir, dass es unmöglich ist, Ziele für andere zu setzen. Wir können uns vornehmen, Reflexionsprozesse anzustoßen – aber ob sie vollzogen werden, hängt von den Lernenden ab. Ein Verständnis von den „guten Gründen“ ist dabei wichtig, um Personen nicht zu verurteilen oder in (völlig unemanzipatorische) Zwang- oder Straflogiken zu verfallen. Jede Person muss sich selbst zum Ziel setzen, eine emanzipatorische Haltung zu entwickeln und emanzipatorische politische Bildung kann lediglich bei der Zielsetzung unterstützen.

¹ wir verwenden den Begriff Frauen aus einer historischen Selbstbezeichnung um Wahlrecht und Recht auf Bildung.
² BIPoC Abkürzung für Black Indigenous People of Color ist eine Selbstbezeichnung für negativ von Rassismus betroffenen Personen.